Campus WelsTechnik & Angewandte Naturwissenschaften

Ziele des Agrartechnologie und -management-Studiums

Interview mit der Studiengangsleiterin Dipl. Oec.Troph Dr. Claudia Probst über den Studiengang Agrartechnologie und -management:

Welche Ziele verfolgen Sie mit dem Studiengang Agrartechnologie und -management?
Der Abschluss im Bereich Agrartechnologie UND Agrarmanagement macht die Ausbildung einmalig in Österreich. Prinzipiell werden aber drei Schwerpunkte gelehrt: Agrarwissenschaften, -technologie und -management, da die fundierten Kenntnisse in den Agrarwissenschaften die Grundlage für das Verständnis in den Gebieten Technologie und Management stellt. 

  • Die Aufrechterhaltung der heimischen und regionalen Landwirtschaft.
  • Unterstützung der biologischen Landwirtschaft, die einen sehr besonderen Stellenwert in Österreich hat und auf die Österreich auch sehr stolz ist.
  • Thematisierung der aktuellen und zukünftigen Herausforderungen für die Landwirtschaft, Klimawandel, Preisschwankungen, steigender bürokratischer Aufwand.
  • Nachhaltige Technologien zu entwickeln, die vor allem auch für kleinstrukturierte Betriebe nützlich sind und die Produktion von qualitativ hochwertigen Lebensmitteln unterstützen.
  • Studierenden beizubringen, wie man Bedarf und Probleme ermittelt und Lösungen findet.
  • Den Studierenden Lehrinhalte fundiert und auf akademisch hohen Niveau zu vermitteln, von den Grundlagen bis zu höchstaktuellen, spezifischen Themen.
  • Absolvent*innen zu haben, die nach dem 3-jährigen Studium selbstbewusst und selbständig ins Arbeitsleben treten.
  • Vorausschauend zu arbeiten (‚the big picture‘ im Kopf behalten) und Situationen als Ganzes bewerten zu können wird schon zu Beginn des Studiums gelehrt.

Was wollen Sie den Jugendlichen mit auf den Weg geben?
Spaß zu haben an der Materie, egal welchen Weg sie später einschlagen. Dass sich die Landwirtschaft stetig verändert und dass wir uns gleichermaßen mitverändern müssen, aber man nicht immer mit dem Kopf durch die Wand kann. So manches, das der Vater und Großvater schon gemacht haben, ist nicht unbedingt schlecht, nur weil es jetzt Digitalisierung gibt. Auf der Kehrseite sollte man sich auch die neuen Technologien zu Nutze machen, z.B. Smart Apps. Auch dann, wenn der Großvater nicht weiß wie ein Smartphone funktioniert.
Sie sollen sich in der Lage fühlen, Lösungen für Probleme finden zu können. Wichtig ist es, offen zu sein und zuhören zu können. Dafür ist es natürlich wichtig, dass die Ausbildung an der FH sie auf selbstständiges und lösungsorientiertes Arbeiten vorbereitet.

Wie können Sie Ihre Erfahrung dabei einbringen?
Meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass man sich nicht nur auf eine Kernkompetenz versteifen kann. Im Umgang mit der Landwirtschaft ist es wichtig, Augen und Ohren offen zu halten. Viele meiner Kenntnisse, Erfahrungen und auch Projekte haben sich aus Gesprächen mit Landwirten entwickelt. Diese Gespräche sind oftmals lehrreicher als jedes Buch. Viele Konzepte und Lösungsansätze, die ich in der großstrukturierten Landwirtschaft der USA gelernt habe, sind prinzipiell auch für kleinstrukturierte Betriebe in Österreich wichtig. Zum Beispiel die Minimierung der Fungizidbelastung durch ein gezieltes Training und erhöhtes Bewusstsein der Landwirte für die Lebenszyklen von pilzlichen Erregern. Wann ist der Erreger aktiv? Wann richtet er den meisten Schaden an? Wie kann der Lebensrhythmus des Erregers durch anbautechnische Maßnahmen auf natürliche Art unterbrochen werden? Die Optimierung der Fungizidstrategie senkt die Betriebskosten und deckt gleichzeitig das Bedürfnis der Konsumenten nach minimal belasteten Lebensmitteln.  

Diese Erfahrungen haben mich auch gelehrt, worauf es in einem Studium wirklich ankommen sollte. Studierende müssen Praxiserfahrung sammeln. Ich habe schon (zu oft) Absolvent*innen getroffen (auch mit Doktorat), die pathogene Mikroorganismen nur als DNS Sequenz kennen und Krankheitsymptome nicht an der Pflanze erkennen. Die Mischung von Book-smart und Street-smart ist wichtig. Gelerntes Wissen in die Praxis umzusetzen. Diese praktischen Erfahrungen bleiben meist lebenslang im Kopf - und darauf kommt es letztendlich an. Gelernte Kompetenzen gezielt im Kopf zu speichern und gleichzeitig zu wissen, wo nachzuschlagen ist, wenn man etwas nicht weiß.  

Des Weiteren habe ich gelernt, dass die Arbeit im Team wichtig und sogar essentiell für den Fortschritt ist. Die Landwirtschaft bietet wenig Spielraum für egozentrische Weltbilder.

Welche Lehrenden haben Sie bereits für den Studiengang engagieren können?
An der FH OÖ lehren bereits viele Top-Experten in den Bereichen Naturwissenschaften, Technologie und Management. Das bestehende Angebot wird erweitert durch den Einsatz von Agrarexperten. Viele dieser Experten haben uns direkt kontaktiert, was natürlich auch das direkte Interesse der Agrarwirtschaft an dem neuen Studiengang zeigt.

Vortragende werden z.B. sein:

Zu den neuen Herausforderungen für die Landwirtschaft zählen in den letzten Jahren vor allem die steigenden Schwankungen der Preise auf den Märkten. In diesem aktuellen Zusammenhang lehrt Dr. Martin Ziegelbäck, Geschäftsführer von Saatbau Linz, u.a. über das (Preis)-Risikomanagement innerhalb der agrarischen Wertschöpfungskette, über Terminbörsen und über digitale Lösungen zum Risikomanagement.

Der mit dem Oberösterreichischen Landespreis für Umwelt und Natur ausgezeichnete Wissenschafter Hans-Peter Haslmayr, ein Topexperte im Bereich Bodenkunde, hat angeboten, die Vorlesung Bodenkunde zu leiten.

Wir arbeiten auch mit der BioAustria zusammen und haben schon mehrere Experten gefunden, z.B. DI Thomas Übleis, die vom 1. Semester bis zum Abschluss den Fachbereich biologische Landwirtschaft vertreten und den Studierende fundierte und detaillierte Kenntnisse im Bereich Pflanzenbau, Tierhaltung, Grünlandwirtschaft vermitteln aber auch die Grundsätze, Grundlagen und Philosophie erklären.

Viele haben sich auf eigene Initiative beworben. Das heißt, es gibt wirklich viele Experten, denen die Ausbildung der nächsten Generation an Studierenden am Herzen liegt.

Was unterscheidet dieses Studium von einer Landwirtschaftlichen Meisterausbildung?
Mit dem Abschluss des Studiums an der FH stehen den Absolvent*innen eine ganze Bandbreite von möglichen Karrierewegen offen - nicht nur die klassische Arbeit in der Landwirtschaft. Sie können in den nachgelagerten Bereichen der Landwirtschaft tätig sein, z.B. die lebensmittelverarbeitende Industrie. Durch das akademische Niveau des Studiums sind auch Stellen in Forschung & Entwicklung-Abteilungen, die in vielen Firmen existieren, denkbar.  

Es ist oftmals der Fall, dass das Interesse besteht, den elterlichen Hof zu übernehmen, aber die Eltern noch relativ jung sind. Das heißt, die Übernahme liegt in der Zukunft und viele Studierenden sammeln währenddessen Erfahrungen in der Agrarwirtschaft (und arbeiten meistens nebenberuflich bei den Eltern mit).

Hat es Sinn, dieses Studium zu wählen, obwohl man kein Landwirt ist? Wenn ja, warum?
Ich bin das beste Beispiel dafür, dass eine Karriere im Agrarbereich möglich ist, ohne familiäre landwirtschaftliche Bindung. Ich bin in der Stadt aufgewachsen, habe mein Interesse an der Landwirtschaft während meines Studiums entdeckt und meine Berufung zum Beruf gemacht.

Den Studieninteressierten kann ich nur mit auf den Weg geben, dass die Leidenschaft für die Landwirtschaft oder den Agrarsektor grundgebend für ein Studium ist. Das Studium startet mit den Grundlagen und baut Semester für Semester darauf auf bis wir im 6. Semester die nächste Generation Agrarexpert*innen ausgebildet haben. Der Ausbildungsinhalt ist so umfassend, dass wir fast alle Bereiche der Agrarwertschöpfungskette abdecken.

Mögliche Arbeitswege für Absolvent*innen sind:

  • Klassische Landwirtschaft (Betriebsführung- oder Mitarbeit)
  • Mitarbeiter in Sektoren der landwirtschaftlichen Produktion, insbesondere im Bereich der biologischen Landwirtschaft (z.B. Beratung bei der Umstellung auf biologischen Anbau)
  • Forschung & Entwicklung in vor- oder nachgelagerten Bereichen (Input-Industrien: Landtechnik, Hersteller von Saatgut oder Pflanzenschutzmittel bzw. Output-Industrien: lebensmittelverarbeitende Industrie)
  • Business Entrepreneur – Startup von neuen Unternehmen (Entwicklung, Landwirtschaftliche Beratung)
  • Strategisches und Digitalmarketing für Input- oder Output Industrien
  • AG Software Development, Implementation & Analyses (Software Training für Landwirte, Datenanalyse für Unternehmen)
  • Produktbetreuer/ Produktspezialisten für Unternehmen im Agrarsektor
  • Mitarbeit in landwirtschaftlichen Verbänden, Agrarjournalismus, landwirtschaftliche Versuchsanstalten, Beratung / Dienstleister im Agrarbereich
  • Precision Agricultural (Smart Farming) Specialist, auch für Bio-Betriebe

Die Studierenden entdecken schon während des Studiums spezielle Interessen, die meistens ausschlaggebend für die spätere Jobwahl sind. Studierende mit einer Affinität für Agrarmanagement werden wir sicher in Zukunft in diesem Fachbereich antreffen.

Welche Herausforderungen hat ein oberösterreichischer Landwirt? Wie kann man dem begegnen?
Die Landwirtschaft in Oberösterreich hat viele Herausforderungen zu meistern: Von den traditionell kleinstrukturierten Betrieben, die es grundsätzlich schwerer haben am Markt gewinnbringend zu wirtschaften, über den rasanten Entwicklungen in der Agrartechnologie insbesondere in den Bereichen der Automatisierung, Softwareentwicklung und Digitalisierung. Hier ist zum einen die Fülle von Angeboten sehr überwältigend, und zum anderen können sich kleine Betriebe die Anschaffung meist nicht leisten.

Wie kann ein oberösterreichischer Landwirt in Zukunft bestehen?
Mit viel Liebe und Stolz auf die Arbeit. Außerdem durch stetige Weiterbildung (Verbände sind hervorragend zum Wissensaustausch) und wenig Angst vor Veränderungen. Sehr interessant ist meistens, dass die neue Generation vieles (sehr schnell) im Betrieb verändern möchte und oftmals übersieht, dass so manch eine alteingesessene Maßnahme doch sehr wirksam ist. Die Reibereien und Kompromisse am Hof, zwischen alter und junger Generation, führen oftmals zu einer optimierten Betriebsführung. Beide Parteien können hier sehr viel voneinander lernen.

Die Produktvielfalt ‚Hergestellt in Österreich‘ und ‚Bio Austria Garantie‘ zeigt, wie stolz wir auf die hiesige Landwirtschaft sind. Dieser Stolz auf die regionale Landwirtschaft ist einmalig, und zeigt wie sehr wir die Landwirte in Oberösterreich brauchen.

Woher kommen die bisherigen Bewerber*innen?
Die Hintergründe sind sehr verschieden von landwirtschaftlichen Abschlüssen an einer AHS-, HTBLA-, LFHS-Schule bis zur Ausbildung als Mechatroniker oder Chemiefabrikant. Schwerpunkte lagen in Marketing, Unternehmensmanagement, Landwirtschaft, Gartenbau, Elektrotechnik.

Aus welchen Regionen kommen die bisherigen Bewerber*innen?
Derzeit kommen 85% der Bewerber*innen aus Österreich (davon 73% aus OÖ, die anderen aus Tirol, Burgenland, Voralberg, Salzburg, Kärnten). 12% der Bewerber*innen kommen aus Deutschland und 8% aus nicht EU Ländern. Der Anteil von Frauen und Männern: 37% weiblich, 63% männlich

Welche Forschungsprojekte sind im Agrar-Bereich denkbar?
Forschungsprojekte sollten durch den Bedarf ermittelt werden und nicht durch das Ego des Wissenschaftlers. In Österreich muss vor allem die Kleinstrukturiertheit der Betriebe und die biologische Landwirtschaft (nachhaltige Technologien) im Mittelpunkt der Forschung stehen. Beides sind Besonderheiten der österreichischen Landwirtschaft.