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#corona: Herbert Jodlbauer über die Produktion der Zukunft: Wie COVID-19 den Lauf der Zeit beschleunigt

Seit Jahren zeichnen sich gewaltige Umbrüche in der Industrie, der Produktion und in den globalen Wertschöpfungsketten ab. Die drei Megatrends Digitalisierung, Individualisierung und Nachhaltigkeit formen neue Wirtschaftsnetzwerke, gefährden etablierte, in den letzten Dekaden äußerst erfolgreiche, Unternehmen, wecken neue Kundenbedürfnisse, führen zu neuen Produkten sowie Dienstleistungen und bedingen neue Wirtschaftskonzepte.

Europa und damit Österreich gehört nicht zu den Hauptgestaltern der Zukunft der Produktion. Laut wissenschaftlichem Dienst des Europäischen Parlaments zum Thema „Der digitale Wandel“ vom Juni 2019 hinken europäische Unternehmen der digitalen Transformation hinterher. Von den 200 führenden digitalen Unternehmen weltweit sind lediglich acht europäisch. Unter den Top 10 der weltweiten Unternehmen mit der höchsten Marktkapitalisierung sind nur amerikanische und chinesische Konzerne vertreten. In nicht wenigen Themen hat Europa Aufholbedarf: Zukunftsträchtige Technologien, Zugang zu relevanten Rohstoffen, wirtschaftliche Unabhängigkeit, regionale Wertschöpfung oder Digitalisierungskompetenzen.

Die Umwälzungen in der Automobilindustrie eignen sich hervorragend, um die Aussagen dieses Artikels zu beleuchten. Autonomes Fahren wird nicht ohne Digitalisierung, digitale Vermessung der Welt, künstliche Intelligenz, Sensoren, schnellere Übertragungsgeschwindigkeit großer Datenmengen, koordinierte Lenkung der Verkehrsströme bis hin zur digital kontrollierten Energiebereitstellung funktionieren. Noch viel wichtiger für die Zukunft der Mobilitäts-Wertangebote und (leider) weniger verstanden sind die völlig neuen Kundenbedürfnisse und Kundenerwartungen. Meine Generation (Generation X) verbindet mit dem eigenen Auto und einem Führerschein Freiheit, Unabhängigkeit, Status und Image. Für die nachwachsenden Generationen wird Mobilität stark mit „bequem, schnell und einfach von A nach B zu kommen“ und Nachhaltigkeit (Stichwort Dekarbonisierung) verbunden. Bequem, schnell und einfach bedeutet dabei, ohne Vorbereitung, ohne Aufwand, On Demand, ohne Fahrerverantwortung, ohne langfristige Verpflichtungen, mit großartigem Entertainment und mit der Möglichkeit währenddessen zu Arbeiten (Road Office) das Mobilitätswertangebot in Anspruch zu nehmen. Autobesitz wird von der Generation Z tendenziell als Belastung (Abstellplatz/Parkplatz in Städten finden, Wartung, Versicherungsbeitrag, …) empfunden. Nachhaltigkeit ist nicht nur ein Thema des Antriebsstranges (Verbrennungsmotor versus Elektromotor, Hybridsysteme oder Wasserstoffaggregate). Nachhaltigkeit in der Mobilität kann vor allem durch die Erhöhung der durchschnittlichen Anzahl von Insassen in einem bewegten Auto und der Erhöhung des Autonutzungsgrades (Autos sollen nicht auf dem Abstellplatz stehen, sondern bewegt werden) erreicht werden. Jene Unternehmen, die die neuen Kundenbedürfnisse verstehen lernen und unter Nutzung der Digitalisierung Mobilitätsangebote als Dienstleistung schaffen, die genau auf die Kundenbedürfnisse abzielen, werden die global erfolgreichen Mobilitätsanbieter der Zukunft sein. Es geht also um Konzepte wie Betreibermodelle, Sharing-Modelle, Autonomes Fahren, Entertainment, Work in Car oder Schnittstelle zum Kunden. Mit dem heutigen Tag sind die global führenden Unternehmen in diesen zukünftig entscheidenden Bereichen nicht die großen Automobilbauer wie VW, Toyota, FCA + PSA oder General Motors, sondern relativ junge Unternehmen wie Alphabet (GOOGLE: digitale Vermessung der Welt, WAYMO: autonomes Fahren, Sidewalk Labs: Verkehrsmanagement), Apple (mobiles Entertainment), Uber (Customer-Interface, Betreibermodelle, Sharing, Mitfahrplattform) oder Tesla (autonomes Fahren, E-Antrieb). Die Börse hat diesen Bedeutungswandel längst antizipiert: Ende Jänner 2020 (vor der Covid-19 Pandemie) haben die vier großen Automobil-OEM’s VW, Toyota, FCA + PSA und General Motors eine Marktkapitalisierung von 388 Mrd. €, die vier „Neuen“ Alphabet, Apple, Uber und Tesla weisen einen etwa sechsfachen Börsenwert von 2.252 Mrd. € auf. Alleine Tesla (92 Mrd. €) hat einen höheren Börsenwert als der Automobilriese Volkswagen (86 Mrd. €) oder Uber (57 Mrd. €) übertrifft General Motors (43 Mrd. €) oder FCA + PSA (18+17 = 35 Mrd. €).

Vor über einem Jahrhundert hat sich ein ähnlicher Wandel in der Mobilität vollzogen. 1880 waren Pferdekutschen und Pferdewagen das bedeutendste Fortbewegungsmittel. Kutschenbauer wie Wilhelm Wimpff & Söhne, Dick & Kirschten, Lindner oder Plenikowski hatten dieselbe Bedeutung wie heute VW, Audi, Mercedes oder BMW. Die ersten Automobile sahen aus wie Kutschen, sie wurden auch bezeichnender Weise Kutschen ohne Pferde genannt. Kein einziger Kutschenbauer schaffte den Umstieg von Kutschenbauer zum Automobilbauer. Anfangs wurden die „Garagenbastler“ wie Carl Benz, Armand Peugeot oder Gottlieb Däumler (später Namensänderung in Daimler) von den erfolgsverwöhnten Kutschenbauern belächelt – später haben Benz, Peugeot und Co neue Märkte geschaffen, Weltkonzerne geformt, Kutschen ins Museum verdrängt und ein Jahrhundert die Wirtschaft dominiert.

Es ist anzunehmen, dass die Entwicklungen, die sich aktuell in der Mobilitätsbranche abzeichnen, durch die Covid-19 Pandemie beschleunigt werden und in ähnlicher Form für alle Branchen, für alle Märkte und für alle Unternehmen (durchaus in unterschiedlichen Geschwindigkeiten) gelten werden. Nur wer den (neuen) Kunden versteht, den Wandel der Kundenbedürfnisse erkennt, die großen Themen der Weltgemeinschaft wie Digitalisierung, Individualisierung, Dienstleistungsorientierung, Nachhaltigkeit, Dekarbonisierung, Demografie oder Wohlstandsgefälle antizipiert und unter Nutzung der Digitalisierung neue Geschäftslogiken, die wahrnehmbaren und gewollten Nutzen für den Kunden stiften, implementiert wird nachhaltig Erfolg haben. Die Covid-19 Pandemie eröffnet dazu Chancen, die wir ergreifen sollten.

Die temporäre Unterversorgung mit Schutzmasken, Atmungsgeräten oder Desinfektionsmitteln in manchen europäischen Regionen hat klar aufgezeigt, dass eine wirtschaftliche Unabhängigkeit - regional wichtige Produkte können autonom erzeugt werden - Grundvoraussetzung ist, um (weltweite) Krisen gut bewältigen zu können. Diese Erkenntnis sollten wir nützen, um Produktionen zurück zu verlagern. Ziel sollte dabei sein, regional Wertschöpfung zu erhöhen, also dort zu produzieren, wo der Kunde ist, Warenströme möglichst regional zu halten, Recyclingstrategien einzusetzen, um die Rohstoffversorgung zu erleichtern, Digitalisierung zur Senkung der Kosten einzusetzen und digitale Dienstleistungen zur Lösung von Kundenproblemen anzubieten, die auf gemeinsam genutzte Produkte zurückgreifen.

Weiter hat die Covid-19 Pandemie einen noch nie dagewesenen Digitalisierungsschub gebracht. In kürzester Zeit wurden Prozesse und Aufgaben digitalisiert, online organisiert und vom Arbeitsplatz im Unternehmen ins Homeoffice verlagert. Mitarbeiter, Kunden, Studierende und Familienangehörige haben de facto über Nacht hohe Kompetenzen im Bereich Nutzung der Digitalisierung erworben. Online Videokonferenzen werden als Ersatz für den Familienbesuch abgehalten, Lohnverrechnung wird von zu Hause aus durchgeführt, Lehre wird online angeboten, Workshops werden virtuell abgehalten, Bestellungen im Onlinehandel explodieren und musikalische online Aufführungen werden organisiert und zeigen die schnell gewachsene Digitalisierungskompetenz auf. Ich wünsche uns, dass diese hohe Digitalisierungskompetenz nach der Corona-Krise erhalten bleibt und aus wirtschaftlicher Sicht für zwei Dinge genützt wird: Effizienzsteigerung und Dienstleistungs-Innovationen. Beides könnte wesentlich dazu beitragen, dass Europa sich schnell von der Wirtschaftskrise erholt und im globalen Wettbewerb der Regionen in der ersten Reihe mitspielt.

Zum Autor: FH-Prof. Herbert Jodlbauer leitet an der FH OÖ die beiden Steyr Studiengänge Produktion und Management sowie Operations Management und steht dem fakultätsübergreifenden Center of Excellence for Smart Production vor. Im Herbst 2020 erscheint im Springer Verlag sein neues Buch, Geschäftsmodelle erarbeiten: Modell zur digitalen Transformation etablierter Unternehmen, das genau die in diesem Artikel beschriebenen Aspekte der Produktion der Zukunft thematisiert. Details siehe: https://www.springer.com/gp/book/9783658304546

FH-Prof. Herbert Jodlbauer, Bildquelle: imBILDE.at Bernhard Plank

Kommentar von Herbert Jodlbauer in den OÖ-Nachrichten vom 26.05.2020