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Was tun, um Klischees bei der Berufs- und Studienwahl aufzubrechen?

Kaum Interesse an Physik und Mechatronik bei Frauen. Pädagogische Berufe weit abgeschlagen bei Männern. Oder anders formuliert: Frauen interessieren sich verstärkt für soziale Berufe, Männer für MINT (-nahe) Themen. Die Diskussion um geschlechtsspezifische Berufsinteressen und die Nachfrage nach MINT-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) prägt seit langem die öffentliche Debatte. Gleiches gilt für Mangelberufe in der Pflege und Kinderbetreuung. Eine neue Studie der Management-Fakultät der FH Oberösterreich beleuchtet nun die komplexen Zusammenhänge zwischen Geschlecht und Berufswahl.


Die von der FH Oberösterreich, Campus Steyr, im Rahmen des Studiengangs „Marketing und Electronic Business“ unter der Leitung von Prof. Dr. Harald Kindermann durchgeführte Studie zeigt, dass MINT-Fächer bei Männern und Frauen generell nicht besonders beliebt sind und nach wie vor erhebliche geschlechtsspezifische Unterschiede in der Wahrnehmung dieser Fächer bestehen. Zudem geht aus den Ergebnissen hervor, dass Frauen MINT-Fächer noch deutlich weniger schätzen als Männer. Dem gegenüber steht das bereits erwähnte deutlich höhere Interesse von Frauen an sozialen Berufen.

„Prestige kann Gamechanger werden“

Darüber hinaus zeigt sich, dass in den Bereichen „Pflege“, „Kindergartenpädagogik“ und „Kinderbetreuung“ ein Nachholbedarf besteht, wenn es um das Prestige dieser Berufsgruppen geht. Ein Umstand, der sich mit hoher Wahrscheinlichkeit auch auf die Berufswahl von Frauen - oftmals trotz grundsätzlichem Interesse - auswirken wird.

Auf Basis dieser Befunde zeigt sich auch, dass die von der Wirtschaft als besonders wichtig erachteten MINT-Fächer durchaus ein virulentes Problem haben, von Frauen, aber auch von Männern, in ausreichendem Maße nachgefragt zu werden.

Als Gründe hierfür können sowohl angeborene Unterschiede als auch kulturelle Einflüsse, welche die Berufsinteressen und die Berufswahl prägen, genannt werden. Trotz dieser vielfältigen Einflussfaktoren legt die Forschung nahe, dass die Natur, also die angeborenen Unterschiede, eine Grundorientierung der Berufsinteressen bestimmt - ein Aspekt, der in der öffentlichen Diskussion meist vernachlässigt wird. 

„Aufwertung ‚typischer‘ Frauenberufe sollte mit höheren Löhnen verbunden sein“

Dr. Harald Kindermann, Leiter der Studie, erklärt dazu: „Unsere Studie zeigt deutlich, dass es grundlegende geschlechtsspezifische Berufsinteressen gibt. Dass diese durch eine genetische Grundausstattung mitbestimmt werden, ist in der Psychologie weitgehend akzeptiert. Dabei ist es wichtig zu betonen, dass diese Unterschiede nicht als Abwertung oder Diskriminierung bestimmter Fachrichtungen oder eines biologischen Geschlechts zu verstehen sind. Vielmehr sind die Unterschiede das Ergebnis komplexer Wechselwirkungen zwischen Biologie, Soziologie, kulturellen Einflüssen und individuellen Präferenzen.“ Dies bedeutet, dass die Berufsgruppen, die besonders von Frauen nachgefragt werden, eine deutliche öffentliche Aufwertung benötigen und nicht nur monoton versucht werden sollte, sie für MINT-Fächer zu motivieren, wenn bereits jetzt ein Mangel an Arbeitskräften in sozialen Berufen besteht. Dabei darf nicht vergessen werden, dass eine Aufwertung mit höheren Löhnen verbunden sein muss.

Ranking der beliebtesten Berufe/Tätigkeiten von Frauen und Männer in der Studie

Die Einschätzung der Berufseignung und das Prestige von Berufen, Ausbildungen und Tätigkeiten ist ebenso wie die Antwort auf die Frage: „Welche Bereiche oder Tätigkeiten würden Sie interessieren?“ in detaillierter Auswertung differenziert nach Altersgruppen und Ausbildung in der Studie zu finden.

Über die Studie

Die Studie, die diesen Ergebnissen zugrunde liegt, basiert auf einer Befragung von 1055 Österreicherinnen und Österreichern im Alter von 14 bis 80 Jahren. Eine wissenschaftliche Publikation ist in Vorbereitung.

Die Ergebnisse der Studie sind als PDF-Dokument beigefügt.
Für Rückfragen steht Ihnen Dr. Harald Kindermann gerne zur Verfügung.

„Politik, Institutionen, Unternehmen und Bildungseinrichtungen werden ermutigt, die Ergebnisse dieser Studie zu nutzen, um Maßnahmen zur Förderung der MINT-Fächer und der Mangelberufe in der Pflege und Kinderbetreuung für alle Geschlechter zu entwickeln. Es wird ausdrücklich betont, wie wichtig es ist, das breite Spektrum an Interessen und Begabungen in der Gesellschaft anzuerkennen und zu fördern, um eine gerechte und vielfältige Zukunft für alle Berufe zu gewährleisten“, so der Studienautor.

Studienautor FH-Prof. Dr. Harald Kindermann, © privat | Bildquelle: privat

A portrait of an industrial woman engineer standing in a factory, making a phone call.

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