Campus SteyrWirtschaft & Management

News/AktuellesFH OÖ Campus Steyr

Videokonferenzen sind Stress für unser Gehirn

Zoom Fatigue oder Warum Videokonferenzen schneller müde machen analysierten Forscher*innen vom Campus Steyr


Seit der Pandemie sind Videokonferenz ein fixer Bestandteil des Arbeitsalltages – und damit für viele auch die Erfahrung, dass sie Konzentrationsprobleme, Kopfweh und Verspannung hervorrufen können. Forscher*innen der FH OÖ Campus Steyr haben dieses Phänomen in einer aktuellen Studie untersucht und analysiert. Die Ursachen für „Zoom Fatigue“ sind laut Prof. Rene Riedl vielfältig – und Frauen oft stärker betroffen als Männer. Benannt wurde dieses Phänomen nach der Kommunikationsapp Zoom und dem französischen Fatigue für Müdigkeit.

#nachgefragt: Rene Riedl erklärt im Interview wie es zu Zoom Fatigue kommt und welche Gründe es dafür gibt

„Erschöpfung und Stress durch Videokonferenzen ist ein neues Stressphänomen, das durch Home Office und damit verbundenes stark ansteigendes Videoconferencing entstanden ist – es trägt den Namen „Zoom Fatigue“. Eine Untersuchung aus dem Jahr 2020 aus Deutschland bestätigt die enorme Relevanz der Thematik, 60 % der Befragten berichten über Müdigkeit und Erschöpfung durch Videokonferenzen, nehmen also „Zoom Fatigue“ wahr. Befunde aus 2021 aus den USA bestätigen das enorme Stress- und Ermüdungspotenzial von Videokonferenzen. In der Fachliteratur wird auch über Symptome wie Konzentrationsrückgang, Reizbarkeit, Kopf- und Rückenschmerzen sowie Schlafstörungen berichtet. Das Abhalten von Videokonferenzen hat während der coronabedingten Lockdowns enorm an Bedeutung gewonnen. Von Business Meetings über Distance Learning bis hin zu Arzt-Patienten-Gesprächen und sogar Gerichtsverhandlungen – vieles von dem, was vor der Krise an Interaktion in Realumgebungen stattfand, wurde und wird nun als Video-Audio-Kommunikation über das Internet abgewickelt.

Wie kann dieses Phänomen wissenschaftlich untersucht werden?

Zoom Fatigue wurde auf Basis verschiedenster Forschungsbefunde analysiert. Das Phänomen hat neurophysiologische und psychologische Grundursachen.

Warum haben Videokonferenzen so hohes Potenzial, uns auszulaugen und zu stressen?

Ich habe eine Theorie zu den Ursachen von Zoom Fatigue entwickelt, die in der Fachzeitschrift Electronic Markets aktuell im Erscheinen ist. Die Theorie zur Erklärung von Zoom Fatigue integriert eine Vielzahl psychologischer und neurophysiologischer Forschungsbefunde.

Es gibt meiner Meinung nach fünf entscheidende Gründe für das Phänomen:

Ein erster Faktor ist: Man muss wissen, dass durch Lockdowns und Social Distancing Videokonferenzen deswegen so boomen, weil sie der Face-to-face Kommunikation am ähnlichsten sind. Das Problem aber ist, dass es keine synchrone Kommunikation im Sinne von Face-to-face gibt, weil eine Latenz immer da ist. Der Mensch nimmt Latenzzeiten ab 200 ms (0,2 Sekunden) wahr. Ab da gibt es das Gefühl einer Verzögerung. Das Problem ist, dass unser Gehirn auf synchrone Kommunikation ausgelegt ist. Das heißt, wenn wir leichte Latenzzeiten haben, versucht das Hirn diese fehlende Zeit auszugleichen. Dieses Ausgleichenwollen geht mit höherem kognitiven Aufwand einher.

Der zweite Faktor ist das Fehlen von Körpersprache. Auch das versucht man auszugleichen. Es wird dann mehr über die Semantik des Gesprochenen nachgedacht.

Als dritter Faktor ist zu nennen, dass es nie wirklich Augenkontakt gibt. Es ist unmöglich, den Blick des Gegenübers zu verfolgen. Auch hier versucht das Hirn auszugleichen. In der Fachliteratur (Psychologie und Physiologie)  gibt es den Begriff des Phänomens Cooperative Eye Hypothesis. Die empirisch bestätigte Theorie sagt, dass der wichtigste Faktor in zwischenmenschlicher Interaktion, damit wir uns als Menschen koordinieren können, der Augenkontakt ist. Und der fehlt. Über den Augenkontakt wird zum Beispiel geregelt, wann man als nächster beim Sprechen dran ist.

Wenn wir dadurch mehr Koordinationsprobleme haben, muss das Hirn das durch kognitive Leistung ausgleichen. Die Selfawareness, z.B. dass man sich selbst sieht im Videostream in einem kleinen Fenster, führt dazu, dass man sich immer Gedanken über sich selbst macht. Was denkt der andere über mich. Was bewirkt das, wenn man z.B. eine Vorlesung hält? Meine Primäraktion wird ständig unterbrochen. Das gibt es eine interessante Untersuchung der Stanford-University dazu. Die haben einen signifikanten Geschlechterunterschied festgestellt. Frauen haben mehr Zoom Fatigue als Männer. Die Erklärung ist, dass Frauen noch mehr als Männer sich Gedanken darüber machen, wie sie auf andere Menschen wirken.

Wenn Sie nun eine echte Videosession haben, haben Sie das Gefühl, dass sie direkt angestarrt werden. Das Gefühl Objekt der Blicke zu sein, stresst den Menschen. Das ist evolutionsbiologisch bei Säugetieren so, dass das Anstarren über mehr als nur ein wenige Sekunden Stresshormone verursacht als Reaktion auf einen möglichen Angriff.

Last, but not least: Auch das Multitasking strengt an. In Videokonferenzen tun die Menschen zeitgleich irgendetwas anderes. Am Smartphone, oder eine Email schreiben. Auch das führt dazu, dass wir Fatigue wahrnehmen. Bei Multitasking haben die Menschen einen höheren Blutdruck z.B. Die Belastung ist physiologisch nachgewiesen.“

Studie publiziert in Electronic Markets, 2021

Das Interview führte Martin Voill. Vielen Dank!

Studienautor Dr. Rene Riedl vom Digital Business Forschungsteam am Campus Steyr empfiehlt: Statt Video- öfter nur Audiokonferenzen zu machen und nach der Pandemie wieder mehr persönlich miteinander zu sprechen. | Bildquelle: FH OÖ