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Big Brother is watching you?

Neue Studie: Home Office und die Angst vor Mitarbeiterüberwachung


Eine aktuelle Umfrage der FH OÖ Campus Steyr bei Arbeitnehmer*innen in Deutschland, Österreich und der Schweiz zeigt, wer viel mit digitalen Technologien arbeitet, etwa E-mails schreibt oder Videokonferenzen macht, der fühlt sich oft auch überwacht. Ein Kernergebnis der Studie ist, dass elektronische Überwachung mit zahlreichen negativen Konsequenzen einhergeht wie Verletzung der Privatsphäre, reduziertes Vertrauen in die Organisation, erhöhter Stress, reduziertes Commitment, reduzierte Arbeitszufriedenheit, reduzierte Arbeitsmotivation und reduzierte Arbeitsleistung.

Prof. Dr. René Riedl, Thomas Kalischko und Fabian Stangl von der Steyrer Forschungsgruppe Digital Business Management untersuchten das Phänomen rund um elektronische Überwachung am Arbeitsplatz.

Elektronische Überwachung am Arbeitsplatz ist ein Phänomen, das in Wirtschaft und Gesellschaft zunehmend in den Fokus rückt. Die Nutzung und Allgegenwärtigkeit digitaler Technologien ist so ausgeprägt wie nie zuvor.

Im Fokus der Fragebogenstudie mit 1.119 Teilnehmer*innen im deutschsprachigen Raum (Deutschland, Österreich, Schweiz) standen bedeutsame Facetten als auch Konsequenzen von elektronischer Überwachung am Arbeitsplatz sowie personen- und organisationsbezogene Faktoren und ihr Zusammenhang mit den Konsequenzen elektronischer Überwachung. Eine Gesamtschau der Befunde zeigt, dass elektronische Überwachung im deutschsprachigen Raum ein bedeutsames Phänomen ist, das mit negativen Konsequenzen einhergeht wie Verletzung der Privatsphäre, reduziertes Vertrauen in die Organisation, erhöhter Stress, reduziertes Commitment, reduzierte Arbeitszufriedenheit, reduzierte Arbeitsmotivation und reduzierte Arbeitsleistung. Zudem zeigen die Ergebnisse, dass mit einer zunehmenden Wahrnehmung von elektronischer Überwachung Mitarbeiter*innen Verhaltensmaßnahmen ergreifen, um sich der Überwachung zu entziehen. Weiter zeigen die Ergebnisse, dass die Konsequenzen von elektronischer Überwachung durch mehrere personen- und organisationsbezogenen Faktoren beeinflusst werden. Eine Gesamtschau der in diesem Bericht vorgestellten Befunde zeigt, dass elektronische Überwachung am Arbeitsplatz ein wesentliches Phänomen in einer digitalisierten Wirtschaft und Gesellschaft ist.

Der komplette Bericht kann unter folgendem Link heruntergeladen werden: https://forschung.fh-ooe.at/elektronische-ueberwachung-am-arbeitsplatz/

 

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Prof. Rene Riedl im Interview zur Studie „Elektronische Überwachung am Arbeitsplatz“

Elektronische Überwachung am Arbeitsplatz ist nur in begründeten Ausnahmen erlaubt. Trotzdem wirkt sich allein schon der Gedanke an die Möglichkeiten einer Big-Brother-Kontrolle auf mehrere, die Produktivität und das Wohlbefinden beeinflussende Parameter aus. René Riedl von der FH OÖ Campus Steyr untersuchte in einer aktuellen Studie bei 1.119 Teilnehmer*innen im DACH Raum die Auswirkungen des verstärkten Home Office bei Mitarbeiter*innen.

 

Frage: Gibt es denn überhaupt tatsächlich elektronische Überwachung am Arbeitsplatz? Kann man das messen?

Die Motivation für die Durchführung der Studie mit 1.119 Teilnehmern im DACH Raum war, dass es Medienberichte (S.5 Guardian, Süddeutsche Zeitung, BBC etc.) gibt auf Basis journalistischer Recherche, dass Arbeitgeber Arbeitnehmer*innen überwachen. Im einfachsten Fall waren das Überwachungskameras, aber auch Überwachung über Anwendungssysteme, die eigentlich nicht den Zweck der Überwachung haben, aber dazu genutzt werden können. Wir haben untersucht, was Mitarbeiter*innen fühlen. Denn das entscheidende für die Reaktionen der Menschen ist ja das, was der/die Mitarbeiter*in glaubt, was der Fall ist, nicht was tatsächlich der Fall ist. Wie viel tatsächlich überwacht wird, eine repräsentative Zustandserhebung, ist wissenschaftlich nicht zu erheben.

 

Frage: Auf wieviel Prozent hat das eine Auswirkung, das Gefühl, überwacht zu werden?

Auf einer Skala 1 gar keine gefühlte Überwachung bis 7 totale Überwachung kommt folgender Wert heraus. 4,02 > Das ist ziemlich hoch. Ein eindeutiger Nachweis, dass die elektronische Überwachung in der Wahrnehmung ein existierendes Phänomen ist. Österreich hat dabei mit 4,11 den höchsten Wert, auch wenn das statistisch gesehen nicht wirklich signifikant ist.

Erhoben wurde mit mehreren Fragen. Wie zum Beispiel: „Ich fühle mich unwohl, bei der Art und Weise, wie meine Organisation meine IKT Inhalte überwacht.“

 

Frage: Welche Auswirkung hat das auf das Verhalten der Arbeitnehmer*innen? Kann man das überhaupt herausfinden?

Je höher der wahrgenommene Grad der Überwachung, desto ausgeprägter sind die Verhaltensmaßnahmen der Mitarbeiter*innen, um sich der Überwachung zu entziehen. Was heißt das konkret? Zum Beispiel Überkleben der Kamera am Dienstlaptop, Mitarbeiter*innen verbinden sich nicht über WLAN mit dem Firmennetzwerk, oder wenn sie Tools wie MS-Teams verwenden, wird dort der Status z.B. im Homeoffice immer auf „verfügbar“ gelassen, damit das nicht ausgewertet werden kann, wenn er z.B. Essen gegangen ist. Mitarbeiter*innen versuchen so, den Tagesablauf nicht preiszugeben.

Aber es geht nicht nur um das Verhalten. Wir haben auch festgestellt, dass es statistisch signifikante Zusammenhänge gibt: Je höher der wahrgenommene Grad der elektronischen Überwachung am Arbeitsplatz, desto höher die wahrgenommene Verletzung der Privatsphäre, desto geringer das Vertrauen in ihre Organisation oder Firma, desto höher der Stress beim betroffenen MA, desto reduzierter das Commitment gegenüber dem AG, desto reduzierter die Arbeitszufriedenheit und die Arbeitsmotivation und selbst wahrgenommene Arbeitsleistung.

Es gibt auch Zusammenhänge mit demographischen Faktoren. Wir haben Alter, Geschlecht und Bildungsstand untersucht. Da gab es keine Zusammenhänge mit den Konsequenzen der wahrgenommenen Überwachung. Das war überraschend. Da braucht es sicher noch Forschung. Wo es aber schon Effekte gibt, ist bei der Berücksichtigung gewisser Persönlichkeitstypen. Konkret Menschen mit ausgeprägtem Neurotizismus, also emotionaler Instabilität, nehmen eine höhere elektronische Überwachung am Arbeitsplatz wahr. Bei anderen Persönlichkeitsdimensionen wie Gewissenhaftigkeit war keine Unterschied festzustellen.

 

Frage: Was können AG tun, um diesem Gefühl der MA entgegenzuwirken?

Die wesentliche Maßnahme um das Feeling des Überwachtseins niedrig zu halten und die Folgen, die daraus resultieren, ist, auf Mitarbeiter*innen-Aufklärung und Transparenz zu setzen. Je aufgeklärter die Mitarbeiter*innen, desto niedriger ist der wahrgenommene Grad der elektronischen Überwachung am Arbeitsplatz. Wenn der Arbeitnehmer glaubt, dass die Mitarbeiter*innen Gefühle der Überwachung haben, sollte er offenlegen, dass es natürlich Softwareanwendungen gibt, die Überwachung ermöglichen könnten, und wie damit konkret umgegangen wird.

 

Frage: Gibt es irgendwelche konkrete Programme, die besonders unter Verdacht stehen, dass mit ihnen überwacht wird?

Wir haben auch den wahrgenommenen Grad der Überwachung nach Technologietypen abgefragt. Die Top 4 sind: E-Mail, Videokonferenzsysteme, Mobile Geräte und am vierten Platz die Verwendung von Social Media wie Facbook, Instagramm oder WhatsApp.

 

Das Interview führte Martin Voill. Vielen Dank!

Quelle/Studie: Ergebnisse Fragebogenstudie „Elektronische Überwachung am Arbeitsplatz“ (1.119 Teilnehmer; DACH Raum, Juni 21)

 

Rückfragenkontakt:
Assoz. Univ.-Prof. FH-Prof. Mag. Dr. René Riedl
FH Oberösterreich, Campus Steyr, Studiengang Digital Business Management,
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