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Fachvortrag zu "Digitalisierung an der Arbeiterkammer Oberösterreich"

Einen vielbeachteten Vortrag hielt Mag. Reinhard Haider, Experte für Digitalisierung in der Arbeiterkammer OÖ, am 23. November im 5. Semester des Studiengangs Public Management. Die Einladung zum Vortrag erfolgte von FH-Lektor Mag. Reinhard Haider, einem Namenskollegen, der ebenfalls als Experte für Digitalisierung, allerdings im Kommunalbereich, gilt. Beide kennen sich schon seit über 10 Jahren aus Beruf und Sport. Schmunzeln also am Beginn des Vortrages bezüglich dieser hochgradigen Ähnlichkeit und der erstmaligen gemeinsamen Vortragstätigkeit. 

 

Der Grund des Vortrages war, nicht nur die Errungenschaften und Chancen von Digitalisierung und E-Government zu feiern, sondern auch auf die Risiken zu blicken. Dazu hat die Arbeiterkammer ein besonderes Mandat, ob Industrie, Handwerk oder Dienstleistung.

Inhaltlich drehte sich der Vortrag um den Einfluss, den die Digitalisierung auf die Arbeitsbedingungen der Menschen hat. Das ist der Arbeits-Schwerpunkt von Reinhard Haider bei der Arbeiterkammer, aber auch Konflikt- und Mobbingberatung sind sein Thema. Dabei ist die erste Frage stets: fallen Arbeitsplätze weg und entstehen ausreichend neue Arbeitsplätze? Realistische Studien sagen aus, dass in Österreich 12 % der Arbeitsplätze durch Automatisierung/Computerisierung bedroht sind, in Deutschland 10 %, in Schweden 7 %. In Österreich sind das immerhin rund 360.000 Jobs, die mittelfristig durch Digitalisierung gefährdet sind, zwei Drittel davon entfallen auf Hilfstätigkeiten und Handwerkstätigkeiten, die eine hohe Routine-Anreicherung haben. Je höher der Bildungsabschluss, desto weniger sind die Einzelnen betroffen. Berufe mit Zukunft sind jedenfalls soziale Berufe, Pflegeberufe, Lehrer, Sozialarbeiter, Social Media Manager, Grafik-Designer, App-Entwickler, Online-Marketing-Manager, Data Scientists, Mechatroniker, IT-Experten, also viele Berufe die es vor 10 Jahren noch gar nicht gegeben hat.

Eine Studie der Boston Consulting Group zeigt, dass bis 2025 etwa für Deutschland durch Digitalisierung sogar eine Million neuer Arbeitsplätze entstehen könnten, während 610.000 wegfallen. Somit bliebe ein positiver Saldo von 390.000 neuen Arbeitsplätzen. Für Österreich gibt es dazu keine diesbezüglichen Berechnungen.

In diesem Zusammenhang werden Roboter oft als Jobkiller dargestellt. Auszugehen ist davon, dass Tätigkeiten die standardisierbar sind, also kognitive und manuelle Routine-Tätigkeiten, zurückgehen oder verschwinden werden (schwere Hilfstätigkeiten bis hin zu Tätigkeiten in Angestelltenberufen, die einen hohen Standard-Anteil aufweisen, wie etwa Standard-juristische Aufgaben). Im Gegenzug dazu werden die kognitiven und analytischen Nicht-Routine-Tätigkeiten an Bedeutung gewinnen, genau so wie die Empathiefähigkeit, die beispielsweise in sozialen Dienstleistungsberufen wie der Altenarbeit gefragt ist oder Kreativität etwa in Design-Berufen wie etwa im Grafik oder Online-Marketing Bereich. Auch in kleinen Betrieben zählt die menschliche Arbeitskraft weiterhin sehr viel, weil Digitalisierung dort unter Umständen zu teuer ist tatsächlich implementiert zu werden. Seriös sind Auswirkungen nicht abschätzbar. Ein Beispiel ist das papierlose Büro, das seit Jahrzehnten beschrieben wird, aber nicht eintritt. Es gilt den digitalen Wandel so zu gestalten, dass es für alle fair zugeht.

Haider präsentierte auch die Initiative „Arbeit.Digital“ auf der Website der Arbeiterkammer https://www.arbeiterkammer.at/interessenvertretung/arbeit_digital/index.html. Vom Projektfonds Arbeit 4.0 über Crowdworking und Bildung.Digital bis hin zu neuen Formen der Mitbestimmung der Betriebsräte im digitalen Zeitalter wurde bereits viel aufgearbeitet und dargestellt. Im Projektfonds Arbeit 4.0 liegen beispielsweise 6 Millionen Euro für neue Bildungsmaßnahmen und die Aufqualifizierung der Dienstnehmer pro Jahr bis 2023 für Oberösterreich bereit. Projekte aus Betrieben und Institutionen können eingereicht und in weiterer Folge gefördert werden, wenn Digitalisierung die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten verbessert.

Für den Bereich Bildung merkte er kritisch an, dass knapp 20 % der Schulabgänger nicht sinnerfassend lesen und schreiben können. Daher ist die Stärkung der Basiskompetenzen sehr wichtig, auch die soziale Kompetenz und das Stärken des Umgehens mit Veränderungen, also organisatorische Kompetenzen sind in Zukunft sehr wichtig.

Crowdwork ist ein Spezialthema. Als Beispiel referierte Haider über Mechanical Turk von Amazon, wo Arbeit bereits jetzt global vermittelt wird. Damit tritt der indische Mitarbeiter mit dem österreichischen in direkte Konkurrenz und Markt-Ungleichgewichte entwickeln sich daraus. Fragen nach gleichen Arbeitsbedingungen und Fairness für Mitarbeiter tun sich hierbei auf.

Ein besonderes Anliegen ist dem Arbeiterkämmerer die Auswirkung der Digitalisierung auf die psychosoziale Gesundheit. Die körperlichen Belastungen sinken zwar, aber die psychischen Belastungen steigen und stellen durch erhöhten Zeitdruck, permanente Erreichbarkeit, Informationsüberflutung, häufige Umstrukturierungen, … ein ungelöstes Problem dar. Die Freizeit wird zur Arbeitszeit und umgekehrt. Konzentrierte Arbeit ist oft nicht mehr möglich. Studien zeigen eindeutig, dass man erst nach 16 Minuten in einen konzentrierten Arbeitsflow kommt, diese aber durch die Unterbrechung mittels Mails, SMS und WhatsApp kaum mehr erreicht wird. Darunter leidet die Aufmerksamkeitsspanne und die Qualität der Arbeit sehr. Auch gibt es längere Einschlafzeiten durch das Schreiben von E-Mails nach Feierabend. Stichwort Grübeln: das beeinflusst die Schlafqualität. Aber: es kommt immer auf die tatsächliche Dringlichkeit an. Jedenfalls gibt es einen enormen Anstieg der Krankenstände aufgrund psychischer Erkrankungen – diese haben sich im letzten Jahrzehnt verdoppelt.

 

Reinhard Haider (Marktgemeinde Kremsmünster, Lektor an der FH Oberösterreich) dankt dem Digitalisierungsexperten der Arbeiterkammer, Reinhard Haider (links im Bild), für seinen Vortrag im Studiengang „Public Management“